Von der Brust zur Flasche - Alkoholiker in sieben Tagen

(c) Klaus Eppele
(c) Klaus Eppele

Ich trinke. Das war nicht immer so.

 

Ich wollte Schriftsteller werden, mir fehlte nur eins: Der Hang zur Sucht. Ich rauchte nicht, trank nicht, nahm keine anderen Drogen, hatte Sex in Maßen (eher in zu geringen Maßen), aß gesund und trieb Sport.

 

Zunächst versuchte ich, dieses ausgewogene Leben exzessiv zu betreiben. Das gelang mir nicht, es langweilte mich.

 

Schriftsteller gehören zur Gattung der Künstler. Ein Künstler schnitt sich ein Ohr ab, machte Kunst aus Fäkalien oder spielte den Rock’n Roll auf der Bühne statt sich altersentsprechend in dafür eingerichteten Heimen aufzuhalten.

 

Ich wollte mir nichts abschneiden (höchstens die Hand, wenn das mit der Schriftstellerkarriere nichts wurde); mit der Verdauung hatte ich so meine Probleme, außerdem befand ich mich in der Mitte meines Lebens (wie öde), konnte weder singen noch ein Instrument spielen. Kurzfristig probierte ich es mit dem Rauchen. Künstlerisch nur Selbstgedrehte. Ich war zu ungeschickt: Unmengen Tabakkrümel verstopften die Computertastatur. Wutentbrannt (manchmal kann ich mich einfach nicht zügeln) demolierte ich die komplette Computeranlage. Danach kam das heulende Elend.

 

Wir leben im Jahr zweitausendirgendwas, da schreibt man keine Bücher mehr per Hand. Schon gar nicht, wenn man so eine Handschrift hat wie ich.

 

Folglich verfiel ich in eine tiefe Depression. Ganz unten war ich, im Reich der Sinnkrisen. Ich spürte nicht nur, dass ich mein Lebensziel bisher nicht erreicht, sondern auch, dass ich überhaupt nichts mehr zu verlieren hatte. Chance in der Krise also. Neuanfang. Für mich als angehenden Schriftsteller bedeutete das: Lesen.

 

Ich las Hemingway. Wie machte der Mann das nur? Ich fand es nicht heraus und las, was andere über Hemingway zu wissen glaubten: Aha, ein bekennender Trinker.

 

Einfach das Saufen anzufangen erschien mir bei meiner Begabung zu gefährlich. Sie erinnern sich: Ich hatte beim Versuch, Raucher zu werden, meinen Computer geschrottet.

 

Nachdem ich ein Buch von und einige über Hemingway gelesen hatte, besorgte ich mir Bücher über Alkoholsucht. Ich vergrub mich zwei Wochen in meinem Schreibzimmer, das nunmehr ein Lesezimmer war, und kam erst wieder raus, als ich soviel über das Trinken wusste, dass ich von der Theorie schon ganz besoffen war.

 

Die ersten Schritte zum Erfolg lagen hinter mir. Der nächste Schritt bedeutete Milieustudie: Ich schlich mich bei den anonymen Alkoholikern ein. Hemingway konnte ich ja nicht mehr kennen lernen, und die anonymen Alkoholiker waren authentisch genug. Sie erzählten, was sie taten, um trocken zu werden oder zu bleiben. Ich notierte das Gegenteil in mein Notizbuch. Nachdem ich genügend erfahren hatte, setzte ich mich in die Gruppe der Angehörigen von Alkoholikern. Drei Notizbücher waren mit meinen Worten gefüllt, als ich die Milieustudie beendete. Der Folgeschritt hatte wie die vorausgegangenen Schritte nichts mit dem Zwölfschritteprogramm der anonymen Alkoholiker zu tun. Er hieß: Einkaufen. Ich brauchte einen neuen Computer und Alkohol.

 

Die Nachbarn fragten, was es zu feiern gab. „Meine Karriere als Schriftsteller! Ich stürme die Bestsellerlisten!“ (Absichtlich verwendete ich das Präsens, damit meine Mitmenschen das Gefühl bekamen, sie begleiteten mich).Es war immer gut, erfolgreiche und zielstrebige Menschen zu kennen, die womöglich berühmt wurden. Sofort half mir die gesamte Nachbarschaft, die Bier- und Weinkästen, Sekt- und Wodkaflaschen in die Wohnung zu tragen.

 

Da saß ich nun am neuen Computer und wartete auf die Eingebung. Sie kam nicht. Logisch. Ich hatte noch nichts getrunken. Die erste Wahl fiel auf Hochprozentiges, damit es schnell wirkte und mein Buch bald veröffentlicht würde. In einem Lehrgang ‚Wie werde ich Schriftsteller’ hieß es einmal: "Schreibe über das, was du kennst, dann schreibst du gut." Also schrieb ich meinen ersten Satz: „Ich trinke.“

 

Sofort war ich überwältigt von meiner eigenen Begabung. Der Satz: „Ich trinke“ enthielt alles, was der erste Satz eines Erfolgsromans enthalten muss. Er war kurz und prägnant, verzichtete auf Fremdwörter, schmückte nicht aus und war obendrein überaus spannend. Der Leser fragte sich unwillkürlich: Wer trinkt was? Natürlich würde jeder weiterlesen wollen. Mit dem Weiterschreiben klappte es leider nicht so recht. Das Trinken hingegen, das ging gut.

 

Es ging gut bis zu dem Tag, an dem die Nachbarn klingelten, weil sie wissen wollten, wieweit ich sei auf meinem Weg zum berühmten Schriftsteller. Sie wandten sich angewidert ab. Ich roch nicht gut, war ungepflegt und in meiner Wohnung stapelten sich leere Alkoholflaschen. Ich wollte meinen guten Ruf als Nachbar nicht verlieren, verdrängte, dass ich als Schriftsteller noch gar keinen guten Ruf hatte und erklärte deshalb schnell etwas von anstrengender Milieustudie, der jeder Schriftsteller ausgesetzt war und zwang alle Nachbarn, mich hinauf in mein Schreibzimmer zu begleiten. Dort zeigte ich ihnen aus der Not heraus die voll geschriebenen Notizblöcke. Der tatsächliche Roman war nicht weiter als der erste Satz „Ich trinke“.

 

„Sie sind ja schneller Alkoholiker geworden, als mein Enkel Rennrad fährt“ sagte Frau Völler von nebenan.Da war sie: Die Eingebung, der Kuss der Muse. Und den gab ich an Frau Völler weiter. Sie drohte mir mit ihrem dicksten Finger. „Sie sind so blau, sie wissen ja gar nicht mehr, was sie tun.

 

“So nüchtern war ich die letzten sieben Tage nicht gewesen. Ich stürmte an den Computer, versäumte es, die Haustür zu schließen, so dass mein Gehämmer auf die Tastatur bis an die Ohren der Nachbarn drang. Sie glauben ja gar nicht, wie schnell und laut man einen Bestseller schreiben kann.

 

‚Von der Brust zur Flasche – Alkoholiker in sieben Tagen’, Genre Selbsthilfe für hilflose Schriftsteller. Das Meisterwerk entstand nicht in Tagen, sondern in Stunden. Auf allen Vieren schleppte ich mich zum Briefkasten und versandte das Manuskript an einige Verlage und schlief anschließend 49 Stunden durch. Ich war gerade fertig damit, die Wohnung und dann mich auf Vordermann zu bringen, da stand der Postbote mit mehreren Einschreiben vor der Tür. Ich wählte den Verlag, der am meisten bot. Mein Buch verkaufte sich besser als das von Dieter Bohlen. Ein eindeutiges Zeichen für Erfolg. So die Boulevardpresse, die mit ihren Schlagzeilen über meinen rasanten Aufstieg dafür sorgte, dass bald halb Deutschland las und trank und schrieb. Die Bücherindustrie freute sich. So belesen war der Deutsche schon lange nicht mehr. Sogar Schüler lasen freiwillig. Die nächste Pisastudie konnte kommen. Der Finanzminister schickte mir ein persönliches Dankschreiben. Alle Haushaltslöcher wurden durch die Einnahme aus der Alkoholsteuer gestopft. Die Arbeitslosenzahlen erlangten ein Rekordtief, da viele Hartz IV-Empfänger schriftstellerische Ich-AGs gegründet hatten.

 

 

Ich sitze nun in Kuba, rauche meine Havanna im ehemaligen Anwesen von Hemingway, das ich gekauft habe und kehre zu den nächsten Bundestagswahlen wieder nach Deutschland zurück. Wenn mein Land mich braucht, werde ich da sein! Prost :-)

(c) Klaus Eppele
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